Mit Ansprachen von Sadija Klepo, der Gründerin von Hilfe von Mensch zu Mensch und Veranstalterin der Balkantage, Dimitrina Lang, der Vorsitzenden des Migrationsbeirates der Landeshauptstadt München, Simon Goecke vom Münchner Stadtmuseum, einer Ordensverleihung und einer Gesprächsrunde zum Thema „Balkan – Raum der Möglichkeiten“ wurden die 13. Balkantage am Freitag, 8. März 2019, im Münchner Stadtmuseum feierlich eröffnet. Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgte „Frauenklapa Fiaminge“, ein A-cappella-Chor, dessen traditioneller Gesang im dalmatinischen Dialekt 2012 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurde.  

In einer Zeit, in der Tausende junger Menschen ihre Heimat verlassen, um in München zu arbeiten und zu leben, seien die Balkantage, so Sadija Klepo, wichtiger denn je. Die Veranstaltung vermittle ein besonders Heimatsgefühl und biete als Stätte der Begegnung, Inspiration, Kultur und Freude die Möglichkeit, mit Familie und Freunden, Balkankultur in ihrer ganzen Vielfalt zu genießen. Dabei präsentiere man jenseits alles Klischees auch die neuesten Trends im Bereich Musik, Film und Theater. Die Kultur der Migranten im Allgemeinen werde selbstverständlich inkludiert, sodass das Festival auch die Arbeit des Vereins darstelle, für den immerhin 200 Menschen aus 75 Nationen tätig seien. Bei den verschiedenen Veranstaltungen würden Familien, Freunde und Unterstützer aller Kulturen miteinander an einem Ort zusammengebracht.

„München war und ist Einwandererstadt“, erklärte Simon Goecke vom Münchner Stadtmuseum und wies auf das Projekt „Migration bewegt die Stadt“ hin, das nun in die Dauerausstellung „Typisch München“ integriert ist und zeigt, wie stark die Stadt von Migration geprägt ist. München gelte nicht mehr nur als nördlichste Stadt Italiens, sondern auch als westlichste des Balkans und sei ohne Zuwanderung arm.
Dimitrina Lang, die Vorsitzende des Migrationsbeirats der Stadt München, der politischen Vertretung von Migranten mit 40 ehrenamtlichen Mitgliedern, hob die Bedeutung der Balkantage als Forum für Diskussion und Austausch hervor und warb für den Einsatz in ihrem Gremium. Als problematisch sieht sie die Tatsache, dass immer mehr junge Frauen aus dem Balkan in die Prostitution nach Deutschland verschleppt würden.
Gerührt nahm Prof. Dr. Milomir Ninkovic, Chef des Klinikums Bogenhausen, einen Orden von Osmo Vatres, dem Vorsitzenden des Balkanklubs des Friedens, für seinen Einsatz auf dem Balkan entgegen. „Es ist eine große Ehre, wenn man von seinem Volk für seine Arbeit so geehrt wird. Man darf nicht vergessen, woher man kommt und wer uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind.“ Auch Sadija Klepo wurde für ihr grenzüberschreitendes Engagement ausgezeichnet.

Die anschließende Diskussionsrunde mit Dr. Maja Savic Bojanic, Dr. Dennis Gratz, Igor Ilic und Ahmed Spahic behandelte das Thema „Balkan – Raum der Möglichkeiten“. Sie wurde von der Autorin und Regisseurin Almut Gronauer moderiert und von der Dolmetscherin Jasminka Grgic unterstützt.
In den letzten 25 Jahren haben 4,5 Millionen Menschen den Balkan verlassen. Diesen „Braindrain“, also die Abwanderung von Talenten, führt Maja Savic Bojanic auf die Arbeits- und Perspektivlosigkeit zurück. Dr. Dennis Gratz, Rechtswissenschaftler und Soziologe, forderte angesichts der massiven Abwanderung ein Angebot von Rückkehrperspektiven.

Genau dies hat sich Ahmed Spahic zum Ziel gesetzt. Sein Netzwerk für bosnische Professionals, Akademiker und Studierende mit mehr als 150 Mitgliedern im deutschsprachigen Raum möchte Brückenbauer zwischen Deutschland und Bosnien auf verschiedenen Ebenen sein und Möglichkeiten der Rückkehr schaffen.
Auch Kreismigrationen wurden als sinnvolle Möglichkeit betrachtet, die Zielgruppe der Jüngeren zu halten und das Land profitieren zu lassen. Dabei würden z.B. Auslandsstipendien unter der Bedingung vergeben, einige Jahre im Heimatland arbeiten zu müssen.

Igor Ilic, der für Microsoft im Bereich künstliche Intelligenz in Belgrad tätig ist, kritisierte, dass Deutschland mehr in Fabriken für niedrig Gebildete investiere, während die USA mehr Arbeitsangebote für Hochgebildete mache. Er verwies darauf, dass die größte Anzahl von Freelancern in Bosnien und Kroatien tätig sei.

Dr. Dennis Gratz forderte mehr Druck und Konsequenzen seitens der EU bezüglich der Einhaltung der Menschenrechte, der Gleichberechtigung und Demokratie auf die Balkanländer. So sei es „zivilisatorisch inakzeptabel“, dass noch heute Kinder verschiedener Ethnien in Bosnien in getrennten Schulen unterrichtet würden. Die Politik in den Balkanländern setze die falschen Prioritäten und behandle Fragen der Grenzziehung und Unabhängigkeit statt die Region gemeinsam zu stabilisieren. „Was nutzt uns Patriotismus, wenn die jungen Leute wegziehen?“

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Das Netzwerk bosnischer Studenten und Akademiker in Deutschland ist die größte Vereinigung seiner Art im deutschsprachigen Raum und vernetzt derzeit mehr als 150 engagierte Studierende, Akademiker und Professionals mit den unterschiedlichsten universitären Hintergründen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Hauptfokus des Netzwerks liegt dabei auf der Vernetzung von bosnisch-stämmigen Menschen mit dem Ziel der Vermittlung von Bildungschancen und beruflichen Perspektiven. Zudem dient das Netzwerk als Brückenbauer zwischen Bosnien und Herzegowina und Deutschland, Österreich und der Schweiz im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Sinne. Gleichzeitig setzt sich das Netzwerk als Sprachrohr für die europäische Perspektive Bosnien und Herzegowinas als zukünftiges vollwertiges Mitglied der Europäischen Union ein.


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